Überzogen

Alles zu seiner Zeit. Diese Volksweisheit scheint in Deutschland nur noch eingeschränkt zu gelten.

Auschwitz im Fußballstadion

Vor dem heutigen Spiel in der ersten Fußballbundesliga zwischen dem FSV Mainz 05 und dem FC Bayern wurde des 75. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz, genauer gesagt, seiner noch verbliebenen Gefangenen, gedacht. Nun ist es fraglos angebracht, am und um den 75. Jahrestag eines historischen Ereignisses angemessen daran zu erinnern. Im Falle des Holocaust, der sicherlich eines der größten Menschheitsverbrechen gewesen ist, und die Völkermorde stehen bei den Menschheitsverbrechen an der Spitze des Grauens, gilt dies erst recht. Solche Ereignisse versinken auch nicht im Nebel der Geschichte. Sie sind geschehen, und niemand macht sie ungeschehen.

Deplaziert

Ein angemessenes, würdiges Gedenken ist in solchen Fällen eben angebracht. Doch es ist völlig verfehlt,dies bei Veranstaltungen zu tun, die keinerlei Bezug zu Geschichte, Politik und den menschlichen Grundfragen haben. Da gehört das ernste Gedenken nicht hin, wo die Menschen zusammenkommen, um sich zu vergnügen, etwa als Zuschauer eines Sportereignisses. Dieser Rahmen ist auch für ein würdiges Gedenken an die Opfer ungeeignet. Wer davon erfährt, daß irgendwo eine Gedenkveranstaltung dieser Art stattfinden soll, der denkt unwillkürlich an Sitzungssäle von Parlamenten, Aulen von Schulen und Universitäten oder ähnliche Orte staatlicher oder bürgerlicher Repräsentanz. Ein Publikum in förmlicher Kleidung, Ansprachen umrahmt von getragener klassischer Musik, das ist eben die Vorstellung, die man sich unwillkürlich macht, wenn der Gedanke an derartige Gedenkveranstaltungen aufkommt.

Requiem auf dem Rummel

Völlig unpassend ist indessen ein Rahmen, der von Vergnügen, Freizeit, unbefangener Fröhlichkeit zeugt. Menschen in Freizeitkleidung, Bierbecher und Bratwurstsemmeln in der Hand, fröhliches Hallo und Spekulationen über den Spielausgang, so geht man eben in ein Fußballstadion. Da paßt all das, was man mit einer Gedenkveranstaltung zu einem Menschheitsverbrechen wie dem Holocaust oder vielleicht der Erinnerung an die Verbrechen Stalins und den GULag verbindet, einfach nicht hin. Wer käme eigentlich auf den Gedanken, vor der Aufführung einer Mozartoper oder eines Musicals von Andrew Lloyd Webber das Publikum mit einer solchen Gedenkveranstaltung zu konfrontieren? Wer käme auf die Idee, in einer Disco das fröhliche Treiben zu unterbrechen, um an den Holocaust oder ein schreckliches Erdbeben zu erinnern, weil man eben da und nirgendwo anders die Jugend erreicht? Requiem auf dem Rummelplatz?

Zwangsgedenken

Ich halte es für eine nicht hinnehmbare Herabsetzung der Opfer solcher Verbrechen, wenn ihrer in einem völlig unpassenden und unwürdigen Rahmen gedacht werden soll. Ich halte es auch für eine Zumutung gegenüber dem Publikum, das eine Veranstaltung besucht, um sich dort zu vergnügen, mit einem solch ernsten Thema konfrontiert zu werden, ohne daß man dies bei dieser Gelegenheit und an diesem Ort erleben und verarbeiten wollte.

Nach dem Ungeist der Nazis kam die Geistlosigkeit der deutschen politischen Klasse

Doch dies ist der Zeitgeist, der alles andere als ein Geist ist, vielmehr ein Nicht-Geist. Was politisch korrekt ist, muß eben auf Biegen und Brechen und überall exekutiert und zelebriert werden, bis es den Leuten zum Halse heraushängt. Denn genau dieser Effekt wird eintreten, wenn man mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust derartig Schindluder treibt, wie dies in Deutschland inzwischen wohl sein muß. In ihrem Feuereifer, sich in der Verdammung des Nationalsozialismus von niemandem übertreffen zu lassen, denkt sich die politische Klasse dieses Landes immer absurdere Rituale aus. Die Verantwortlichen, an der Spitze der Bundespräsident, sollten eine Reise nach Griechenland unternehmen und sich dort zum Apollo-Tempel in Delphi begeben. Dort wo einst die Priesterin das Orakel eröffnete, war auf dem Tympanon des Tempels zu lesen: meden agan, zu deutsch: nichts im Übermaß. Ob man dann begreifen würde, was das auch für den Umgang mit der deutschen Geschichte bedeutet, muß allerdings füglich bezweifelt werden.

Ein Gedanke zu „Überzogen

  1. caruso

    Danke, sehr richtig! Nur ist es von deutschen Politikern, den meisten Medienleuten zu viel verlangt, daß sie denken, nachdenken. Und noch mehr, daß sie Geschmacklosigkeiten vermeiden. Man spricht so viel vom „kultursensiblen“ Sprechen, aber spricht man von Juden, von Israel dem kollektiven Juden, sucht man danach fast immer vergebens. „Jude“ ist bis heute was Unheimliches, als wären sie nicht wie du und ich. Daran sind natürlich beiweitem nicht nur die Nazis schuld, sondern die jahrhundertelange systematische Seelenvergiftung durch die Kirche(n). Ob man dieses Gift aus den Menschen je herausbekommt, ich habe da meine Zweifel. Die Judenfeindllichkeit hat sich dermaßen in die Sprache eingenistet, daß sie auch von Menschen, die einem Juden nie was antun würden, mit ihnen sogar sympathisieren, unwillkürlich verbreitet wird. Eine schwierige Sache.
    lg
    caruso

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