Zeitenwende – Zeit zu denken

Drei Tage nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, am 27. Februar 2022, hielt der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Deutschen Bundestag seine berühmt gewordene „Zeitenwende-Rede“. In der Tat ist am Morgen des 24.2.2022 geradezu schlagartig deutlich geworden, daß sich die Zeiten geändert haben. Lebten wir bis dahin in Deutschland, aber auch im übrigen Europa in der Gewissheit, nach Beendigung des Kalten Krieges mit dem Ende der Sowjetunion und der Wiedervereinigung Deutschlands sei die Gefahr eines Krieges für uns nicht mehr vorhanden, so mussten wir in diesem Augenblick erkennen, daß diese alte Weltordnung nicht mehr existierte, genau genommen wohl schon seit langem eher ein Traum gewesen war.

Die Ordnung der Welt und das Völkerrecht

Blicken wir zunächst zurück auf das Ende des Zweiten Weltkrieges und die danach entstandene neue Weltordnung. Am 24.10.1945 trat die Charta der Vereinten Nationen in Kraft, beschlossen von den Gründungsmitgliedern USA, Sowjetunion, Volksrepublik China, Großbritannien und Frankreich sowie einer Vielzahl weiterer Länder dieser Erde, allerdings, und hier zeigt sich bereits eine Art Geburtsfehler, nicht von Deutschland und Japan, den Verlierern des Zweiten Weltkrieges. Sie durften nicht teilnehmen, denn sie galten als Parias der Menschheit, sodaß die Charta der Vereinten Nationen konsequenterweise in Art. 107 eine „Feindstaatenvorbehalt“ übertitelte Klausel enthält, wonach Maßnahmen gegen diese Staaten von dieser Charta weder außer Kraft gesetzt noch untersagt werden. Wie weit entfernt von den niemanden diskriminierenden Regeln des westfälischen Friedens von 1648 ist das entfernt! Deutschland konnte dieser Charta auch erst am 16.9.1973 beitreten. Die Charta enthält zwar einerseits in Art. 1 das Ziel, den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und legt in Art. 2 Nr.4 fest, daß alle Mitglieder in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt unterlassen. Andererseits schafft sie mit der Regelung über den Sicherheitsrat in ihrem Kapitel V ein Sonderrecht für die damaligen Weltmächte und Sieger des Zweiten Weltkrieges, denen als ständige Mitglieder nach Art. 23 Abs. 1 der Charta in Art. 27 Abs. 3 jeweils ein Veto-Recht eingeräumt wird, weil danach bei Beschlüssen über die Streiterledigung die Zustimmung aller ständigen Mitglieder erforderlich ist. Das führt natürlich dazu, daß Beschlüsse des Sicherheitsrates in Fragen von Krieg und Frieden gegen die Interessen eines der ständigen Mitglieder nicht möglich sind. Diese entscheidende Rolle des Sicherheitsrates überlagert natürlich auch die Allzuständigkeit der Generalversammlung. Wir halten also fest, daß die Friedenspflicht nach der UN-Charta zwar ein hehres Ziel ist, in Wirklichkeit aber den Weltmächten USA, Russland und China freie Hand gegeben ist, ihre geopolitischen Interessen gegebenenfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Jahrzehntelang dominierte indessen der Ost-West Gegensatz, auch Kalter Krieg genannt, die Weltpolitik. Wenn auch im Schatten der ausgewogenen atomaren Bedrohung, so lebte man doch in der Gewissheit, an der Aufteilung der Welt unter den Weltmächten werde sich nichts ändern, vor allem nicht mit kriegerischen Mitteln.

Das Ende des Traums

Als wir am Morgen des 24.2.2022 erwachten, erwachten wir auch aus diesem Traum. Denn eine der Weltmächte hatte begonnen, ein Nachbarland militärisch zu erobern. Und wir mussten rasch erkennen, daß die beiden anderen Weltmächte USA und China das auch letztendlich duldeten, auch wenn die USA, die ja nun die Bestrebungen der Ukraine mit großem finanziellem und politischem Engagement gefördert hatten, sich aus dem Machtbereich Russlands zu lösen und Mitglied von EU und NATO zu werden um damit Teil der westlichen Hemisphäre zu werden. Die einstimmige Verurteilung des Angriffskrieges der Russischen Föderation gegen die Ukraine durch den UN-Sicherheitsrat war natürlich nicht möglich. Ebenso wenig war es möglich, etwa Russland vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen des eindeutigen Verstoßes gegen das Verbot des Angriffskrieges in Art. 5 Abs. 1 d) des Römischen Statuts anzuklagen, denn Russland ist ebenso wenig wie etwa die USA und China Vertragsstaat dieses internationalen Abkommens.

In der Folge konnten wir erleben, daß auch die USA ihre geopolitischen Interessen ersichtlich unbeeindruckt von öffentlicher Kritik, aber auch ungehindert vom Völkerrecht, durchsetzen. Das begann mit der Gefangennahme des venezolanischen Diktators, Massenmörders und Drogenbarons Nicolas Maduro im Rahmen einer militärischen Aktion, selbstverständlich ohne zuvor etwa ein Verfahren gemäß Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen einzuleiten. Auch wenn man es durchaus begrüßt, daß ein Diktator und Peiniger seines Volkes wie Maduro mit militärischer Gewalt abgesetzt und dann vor Gericht gestellt wird, weil es anders nicht geht, so ist dies doch jedenfalls nach der Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofs in der causa Kosovo nicht vom Völkerrecht gedeckt. Auf der anderen Seite ist es klar, daß Venezuela ersichtlich zur westlichen Hemisphäre gehört, und nach der weiterhin gültigen Monroe-Doktrin der Vereinigten Staaten von Amerika, die vom aktuellen Präsidenten Donald Trump noch verschärft worden ist, die USA dort eben schalten und walten können, wie sie wollen. Das gilt genauso für die aktuelle Kriegführung der USA (und Israels) gegen den Iran. Die USA erklären ganz offen, daß sie Atomwaffen in der Hand des dortigen Regimes niemals dulden können. In diesem Kontext muss auch der aktuelle Waffenstillstand gesehen werden. Vor allem aber werden die USA, aber auch der Iran, ihre Entscheidungen nicht etwa am Völkerrecht, sondern an ihren jeweiligen geopolitischen Interessen und im Rahmen ihrer politischen und militärischen Möglichkeiten treffen. Auch ist es ganz offensichtlich, daß die USA die Existenz Israels gewährleisten, dieser Insel der westlichen Demokratie im Meer der vorwiegend autoritären und muslimischen Staaten des Nahen Ostens, deren Staatsräson jedenfalls im Falle des Irans und der Palästinenser die Vernichtung des Staates und des Volkes der Juden ist. Eine Verurteilung des Irans durch die Vereinten Nationen, gar die Einleitung militärischer Maßnahmen gegen diesen Staat nach Kapitel VII der UN-Charta steht nun einmal entgegen, daß der Iran die schützenden Hände sowohl Chinas als auch Russlands über sich weiß, und somit eine Zustimmung des Sicherheitsrates zu solchen Maßnahmen schlicht undenkbar ist. Somit sind solche Maßnahmen auch nicht gegen vom Iran gesteuerte Terrororganisationen wie Hisbollah, Hamas oder Huthi möglich. Umgekehrt ist es aber auch nicht möglich, daß die Vereinten Nationen den USA in den Arm fallen, denn die USA sind nun einmal ständiges Mitglied des Sicherheitsrates. Der Nahe Osten ist traditionell eher Teil der westlichen Hemisphäre, was zwischen den Großmächten unstrittig ist. Interessengebiet Russlands oder Chinas ist er zwar auch, aber die beiden stellen niemals in Frage, daß letztendlich die USA hier dominieren. Somit werden weder China noch Russland den USA auch nur androhen, in diesen Konflikt militärisch einzugreifen.

Die Welt, in der wir leben

Das ist die Weltordnung jenseits des geschriebenen Völkerrechts. Es wäre zwar schön, ein Völkerrecht, das den Frieden garantiert, und wonach Konflikte im Rahmen einer Rechtsordnung friedlich gelöst werden müssen, nicht nur auf dem Papier zu haben. Indessen müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß auch das Kriegsvölkerrecht im Zweifel nur gegen Staaten durchgesetzt werden kann, die nicht dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen angehören, oder von einem dieser Staaten geschützt werden. Die Anklagen vor internationalen Gerichtshöfen – das Römische Statut von 1998 war noch nicht in Kraft – im Falle Jugoslawien und Uganda sind bislang die einzigen Fälle, in denen überhaupt das Verbrechen der Aggression angeklagt worden ist. Das zeigt auch, welchen Stellenwert das Völkerrecht in der „großen“ Politik hat. Man mag diese Feststellung für pessimistisch und vor allem nicht hilfreich im Sinne des Friedens auf dieser Welt halten. Aber die Welt ist eben nicht so, wie wir sie gerne hätten.

Was nun, Deutschland?

Die politische Debatte unserer Tage ist unter anderem davon geprägt, daß man sich allenthalben über den amerikanischen Präsidenten echauffiert. Seine Rüpelhaftigkeit, nicht nur im persönlichen Umgang, sondern auch auf der Bühne der Weltpolitik, mag zwar jeden Tadel rechtfertigen. Hinzu kommt seine Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit. Indessen ist kaum zu erwarten, daß der am 20.1.2029 sein Amt antretende Nachfolger grundlegend anders handeln und etwa die Monroe-Doktrin für obsolet erklären könnte. Soweit im Übrigen hysterische Antitrumpisten in der deutschen Linken die Errichtung einer faschistischen Diktatur des Herrn Trump in den USA halluzinieren, kann man das mit Blick auf die in der US-Verfassung angelegte Resilienz der demokratischen Grundordnung getrost als hysterisches Geschrei abtun.

Wir müssen zunächst einmal sehen, daß die USA zur Sicherung ihrer geopolitischen Interessen das Augenmerk zuvörderst auf den pazifischen und südasiatischen Raum gerichtet haben. Westeuropa spielt nicht mehr die dominierende Rolle. In der Konsequenz hat der US-Botschafter bei der NATO Mattwew Whithaker im November des vergangenen Jahres erklärt, Deutschland solle in Zukunft die Führungsrolle in der NATO übernehmen. Erklärungen des Präsidenten Donald Trump in diese Richtung haben wir ja bereits mehrfach vernommen. Sogar den Austritt der USA aus der NATO scheint er für möglich zu halten, wobei dies nicht wirklich eine realistische Vorstellung ist. In diesem Lichte sind zum Beispiel auch die Probleme zu sehen, welche durch den Krieg der USA und Israels gegen den Iran etwa bezüglich der Straße von Hormuz entstanden sind. Es mag ja sein, daß dies mit den Worten des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz nicht unser Krieg ist. Indessen sind wir davon leider betroffen. Wir müssen also prüfen, ob und gegebenenfalls in welcher Weise wir uns diesem Problem widmen müssen. Zwar kommen Öl und Gas für Deutschland nur zu einem verschwindend geringen Anteil von den Ländern am persischen Golf durch die Straße von Hormuz. Die Auswirkungen auf die Weltmarktpreise hat jedoch jeder bereits an der nächsten Tankstelle feststellen müssen. Das wird sich auch nicht ändern, solange der Iran nicht nur dazu imstande ist, sondern auch tatsächlich nur die Schiffe jene Meeresenge passieren lässt, die unter den Flaggen ihm genehmer Staaten fahren. Die USA indessen haben deutlich erklärt, daß sie selbst kein Interesse daran haben, sich insoweit militärisch zu engagieren und den Iran daran zu hindern, die Straße von Hormuz militärisch zu blockieren. Daß derzeit Herr Trump gerade auch wegen der Straße von Hormuz den Iranern droht, sie „in die Steinzeit zurückzubomben“ – womit er offensichtlich Erfolg hat – gehört eben zu seiner erratischen Art, Politik zu machen. Das soll eben dann die NATO tun, oder wer auch immer hier seine Interessen hat. Somit kann sich auch für Deutschland durchaus die Frage stellen, ob man nicht doch zusammen mit anderen europäischen, gegebenenfalls auch asiatischen Staaten, hier militärisch eingreift.

Noch viel ernster ist die Frage, ob die USA weiterhin die Beistandsklausel in Art. 5 des Nordatlantikvertrages vom 4.4.1949 so auslegen, wie bisher. Ein Angriff Russlands auf ein Mitglied der NATO, etwa einen der kleinen baltischen Staaten oder auch die Slowakei, vor allem unterhalb der Schwelle direkter militärischer Gewalt im Wege hybrider Angriffe auf die Infrastruktur, aber auch vielleicht mit Luftkriegsmitteln wie Drohnen, muss wohl nicht mehr mit Sicherheit zum militärischen Beistand der USA für ihre NATO-Verbündeten führen. Das ist wohl die bittere Wahrheit. Verantwortliche Politik muss sich natürlich an den Möglichkeiten eines Gegners orientieren und nicht an der Tagespolitik. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, hat erst kürzlich dazu erklärt, daß seine Verteidigungsplanung sich ausschließlich an der Bedrohung ausrichtet, die sich aus dem militärischen Potenzial des möglichen Gegners Russland ergibt. Nach den Erkenntnissen der NATO kann Russland bis 2021 1,5 Millionen aktive Soldaten aufstellen (Joint Threat Assesment 2023).

Russland – Freund, Feind, potentieller Gegner?

In Deutschland wird, jedenfalls in Teilen der Medien und der Politik, darüber diskutiert, ob von Russland eine Bedrohung ausgeht, oder ob es vielmehr vielleicht im Interesse Deutschlands wäre, bessere Beziehungen zu Russland aufzubauen, wenn nicht gar wegen seiner als eher konservativ gesehenen Gesellschaftspolitik sich enger an dieses Land anzulehnen. Ich halte das für schlicht absurd, will aber erst einmal einen Sicherheitsexperten zu Wort kommen lassen, der wohl einen schon geographisch bedingt klaren Blick auf den russischen Bären hat. Erkki Koort ist Leiter des Instituts für innere Sicherheit an der estnischen Akademie der Sicherheitswissenschaften in Tallinn. Er sieht Deutschland im Visier russischer Maßnahmen der hybriden Kriegsführung. Ein ideales Ziel begrenzter Maßnahmen unterhalb des Waffeneinsatzes wäre etwa die Insel Rügen. Dazu ist anzumerken, daß Maßnahmen der hybriden Kriegführung unter anderem auch die Unterbrechung der Stromversorgung, oder aber auch die Einbringung von Giftstoffen in die Trinkwasserversorgung sein können. Die Auswirkungen derartiger Maßnahmen mag man sich eigentlich es gar nicht ausmalen. Herr Koort stellt aber auch fest, daß Russland Deutschland als schwache Gesellschaft ansieht, unter anderem auch wegen der fatalen Befindlichkeit weiter Teile des AfD-Wählerumfelds (natürlich vorwiegend im Osten). Hier ist in der Tat eine merkwürdige Russophilie zu konstatieren, unter anderem basierend darauf, daß man die Wiedervereinigung nicht als Zusammenführung der Deutschen in den beiden Teilstaaten auf gleicher Augenhöhe („es wächst zusammen, was zusammen gehört“ Willy Brandt) sieht, sondern als Übernahme. Dazu passen törichte Äußerungen des AfD-Covorsitzenden Tino Chrupalla, wonach die amerikanischen Truppen aus Deutschland abziehen sollten und überhaupt Deutschland sich von internationalen Militäreinsätzen fernhalten sollte. Meint er mit letzteren wohl auch den Einsatz im Verteidigungsfall nach Art. 5 des NATO Vertrages? Wenn man dann aus dieser Ecke auch noch solche absurden Ideen wahrnimmt, wie die Ablehnung der allgemeinen Wehrpflicht mit Blick auf die aktuelle Politik der Bundesregierung, dann muss man sich in der Tat Sorgen über die intellektuelle Ausstattung eines Teils der deutschen Politiker machen. Denn es ist eine intellektuelle Minderleistung, die Lösung grundsätzlicher Probleme und die Planungen langfristig wirksamer Maßnahmen an tagespolitischen Fragen auszurichten.

Die Russophilie der deutschen Linken und Rechten

Ein merkwürdiges Phänomen in Deutschland ist die mindestens latente Russophilie gerade bei den Parteien links und rechts der sogenannten politischen Mitte. Gerade die Geschichte der beiden Völker sollte jedem in Deutschland zeigen, daß Russland grundsätzlich niemals Deutschlands Freund war. Schon bevor die deutsche Staatlichkeit am 18.1.1871 mit der Ausrufung des deutschen Kaiserreichs im zweiten Mal entstanden war, gab es einen deutlichen Gegensatz zwischen Russland und den führenden deutschen Staaten. Im Siebenjährigen Krieg stand Russland gegen Preußen. Nur der historische Zufall, daß der neue russische Zar Peter III, von Geburt ein holsteinischer Prinz, ein Bewunderer Preußens war, führte dann zu dem berühmten Mirakel des Hauses Brandenburg in Gestalt des Friedens- und Bündnisvertrages von Sankt Petersburg am 5.5.1762. Aber schon seine Witwe und Nachfolgerin Katharina II löste nach seinem Tod am 17.7.1762 das Bündnis auf, wenn sie auch nicht mehr auf der Seite der Feinde Preußens in den Krieg eintrat. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon stand Russland ja zunächst gegen Preußen. Die Konvention von Tauroggen am 30.12.1812 beruht letztendlich darauf, daß man dann gemeinsam gegen Napoleon stehen musste. Nicht in Vergessenheit sollte geraten, daß Russland neben Frankreich 1914 energisch auf den Krieg gegen Deutschland hinarbeitete, der sich dann bekanntlich zum Ersten Weltkrieg entwickelte. Die rasante Aufrüstung der Sowjetunion in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg richtete sich ersichtlich gegen Deutschland. Bekanntlich kam Deutschland mit seinem Angriff am 22.6.1941 der Sowjetunion zeitlich lediglich zuvor, wobei offenbleiben kann, ob Deutschland auch aus Gründen der Prävention angreifen wollte, oder seinen Angriff unabhängig davon im Rahmen seiner Gesamtstrategie zur Ausweitung seines Machtgebiets nach Osten vorgetragen hat, was wohl zu einer bloßen zeitlichen Koinzidenz geführt hat. Die Greueltaten der Roten Armee gegen die deutsche Zivilbevölkerung in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges sollten eigentlich unvergessen sein. Ebenso wenig das diktatorische kommunistische Regime in der DDR als von der Sowjetunion und damit im wesentlichen Russland abhängigem Satellitenstaat. Hinzu kommt, daß Russland in seiner Geschichte noch niemals ein demokratisches, rechtsstaatliches Land war, auch nicht in den wenigen Jahren zwischen Gorbatschow und Putin. Es sollte damit für jeden klar denkenden Deutschen bei der Einschätzung Bismarcks bleiben, der seinerzeit erklärt hatte, die problematischste Kugel in seiner Jonglage mit den europäischen Mächten sei Russland.

Abgesehen davon, daß die Weltmacht USA es niemals dulden kann, daß das wichtigste zentraleuropäische Land in den Machtbereich einer anderen Weltmacht gerät, kann man doch nicht ernsthaft die Anlehnung an ein sowohl historisch als auch aktuell zutiefst undemokratisches Regime propagieren. Will man wirklich ungeachtet aller gesellschaftlichen Probleme unseres Landes seine Freiheit gegen das Leben in einem mindestens autoritären Regime eintauschen? Einmal flapsig formuliert: lieber schlage ich mich mit Genderaposteln, Queerbeauftragten und grünen Spinnern aller Schattierungen herum, als mit dem unguten Gefühl zu leben, am nächsten Morgen in einem Straflager aufzuwachen oder vom Balkon zu fallen.

Wehrhaftigkeit ist Überlebensgarantie

Nicht nur die Sicherung der Existenz des Landes in Frieden und Freiheit, mehr noch die Bejahung einer Führungsrolle in Europa, die aus der Lage, Bevölkerungszahl und vor allem wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes erwächst, insbesondere nachdem diese Führungsrolle von den USA in der NATO nicht mehr mit der seitherigen Selbstverständlichkeit ausgefüllt wird, erfordert ein wehrhaftes, wehrwilliges und selbstbewusstes Volk. Das ist jedenfalls derzeit nicht zu sehen. Die Deutschen sind leider mehrheitlich nicht in der geistigen und moralischen Verfassung, die potentiellen Gegnern oder gar Feinden Respekt abnötigt. Das zeigen überdeutlich Ergebnisse von Meinungsumfragen. So hat eine Erhebung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr im Zeitraum vom 18. bis 23.6.2024 ergeben, daß nur 61 % der Männer und nur 21 % der Frauen bereit sind, Deutschland mit der Waffe zu verteidigen. Auf die Gesamtbevölkerung gerechnet ergibt eine Umfrage von Forsa im August 2025, daß nur 16 % der Bevölkerung auf jeden Fall bereit sind ihr Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, weitere 22 % dies wahrscheinlich tun würden, 59 % indessen wahrscheinlich oder unbedingt nicht. Eine Umfrage des Instituts Cemus zwischen dem 24. April und 18.5.2025 ergab, daß nur 20 % der Bevölkerung ihre Heimat verteidigen würden, wenn es denn sein müsste. Das sind erschütternde Zahlen. Sie werden durch die nachstehend abgebildete Grafik noch deutlicher.

Cemas-Umfrage

Die ganze Misere dieser spezifisch deutschen Befindlichkeit zeigt sich im Vergleich mit anderen Ländern und Völkern. Hier einige Beispiele:

In Abschnitt 119 der norwegischen Verfassung ist festgelegt: „Alle Bürger haben grundsätzlich die gleiche Verpflichtung, das Vaterland für eine bestimmte Zeit zu schützen, unabhängig von ihrer Geburt oder ihrem Vermögen.“

Eine Reihe von europäischen Staaten haben entweder die allgemeine Wehrpflicht niemals ausgesetzt oder sie inzwischen wieder eingeführt. Darunter wenig überraschend die baltischen Staaten, aber auch Finnland, Schweden, Griechenland, Österreich oder Norwegen, wie oben beschrieben. Finnland hat einer Bevölkerung von 5,6 Millionen Menschen und einer Fläche von 303.890 km2 derzeit 23.850 aktive Soldaten, 285.000 beorderte Reservisten und kann insgesamt 900.000 Reservisten aufbieten. Deutschland ist mit 357.022 km2 etwa 15 % größer als Finnland, hat mit 83.000 497.000 Menschen 15 mal soviel Einwohner, aber aktuell nur 186.200 aktive Soldaten. Nach Angaben des Wehrbeauftragten des Bundestages, Henning Otte, lediglich rund 60.000 beorderte Reservisten, also Soldaten der Reserve, die im Verteidigungsfall einen bestimmten Dienstposten in einem bereits vorhandenen, mobilmachungsabhängigen Truppenteil bekleiden werden. Inzwischen plant das Verteidigungsministerium einen Aufwuchs auf rund 200.000 beorderte Reservisten. Wenn Deutschland indessen seine Streitkräfte im Verhältnis zur Bevölkerungszahl und Fläche des Landes im gleichen Umfange vorhalten würde wie Finnland, dann müsste man diese Zahlen jeweils mit 15 multiplizieren. Das wären 357.750 aktive Soldaten, 4.275.000 aktive, beorderte Reservisten und insgesamt 13.500.000 ausgebildete Reservisten. Es mag sein, daß derartige Zahlen bei einem großen Land wie Deutschland nicht darstellbar sind, es ist jedoch erforderlich, sich dem einigermaßen anzunähern. Das zeigen andere Staaten in Europa wie Polen. Rainer Bei einer Landesfläche von 312.685 km2 und einer Bevölkerung von 36,55 Millionen Menschen verfügt das Land über 233.800 aktive Soldaten und 1,7 Millionen Reservisten. Einer Umfrage aus dem September 2023 zufolge sind dort 72 % der Männer zwischen 18 und 55 Jahren bereit, ihr Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, in Finnland übrigens nach einer Umfrage aus dem Dezember 2000 2578 %. Ein bemerkenswertes Detail: schwedische Reservisten streben an, die Altersgrenze für die Beorderung auf 70 Jahre heraufzusetzen. Man könne ja schließlich auch in diesem Alter noch wertvolle Beiträge zur Landesverteidigung leisten.

Fazit

Ja, es ist Zeit zu denken, umzudenken. Die neue Zeit erfordert eben neues Denken. Der deutsche Michel muss sich von seiner Schlafmütze trennen und schon einmal den Gefechtshelm aufsetzen.