Der Schleimer

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat anlässlich des 65. Jahrestags des Abschlusses des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens die Lebensleistung der Eingewanderten gewürdigt. „Türkische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter haben die industrielle Substanz unseres Landes mitaufgebaut“, sagte Merz am Dienstag in Berlin bei einem Festakt zum Jahrestag. Sie hätten „die Infrastruktur des Wohlstandes geschaffen, in der wir heute leben“, zudem „das kulturelle Gesicht der Bundesrepublik Deutschland tiefgreifend mitgestaltet“, informiert uns unter anderem der Stern.

Das ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie die politische Klasse unseres Landes die Wahrheit verbiegt, um damit durchsichtige politische Interessen zu verfolgen. In diesem Falle eben die sogenannte türkische Community zu bauchpinseln, die offenbar dauerbeleidigt ihre angebliche Randständigkeit beklagt. Weil es sich dabei auch um eine nicht unbedeutende Wählergruppe handelt, muss man sich als Politiker, insbesondere Vorsitzender einer untergehenden Partei wie der CDU, da eben ordentlich einschleimen. Dumm nur, daß die Unwahrheit dieser Behauptung auf der Hand liegt, jedenfalls für Leute, die in den sechziger Jahren bereits alt genug waren, ihre Umwelt mit offenen Augen zu betrachten. Das Wirtschaftswunder war Anfang der sechziger Jahre bereits verwirklicht worden. Auch einfache Leute konnten sich Wohnungseigentum, Autos und Urlaubsreisen leisten. Die Trümmer des Zweiten Weltkrieges waren weggeräumt und an ihre Stelle war Wohn- und Gewerbebebauung getreten. Die Zerstörungen des Bombenkrieges waren nicht mehr sichtbar.

Wir hatten schon Anfang der sechziger Jahre etwa 26 Millionen Erwerbstätige und Vollbeschäftigung. In der Tat kamen dann die Gastarbeiter dazu. Indessen kann keine Rede davon sein, daß die seit dem Anwerbeabkommen vom Oktober 1961 eingereisten ca. 867.000 Türken auch einen maßgeblichen Beitrag zu diesem Wirtschaftswunder geleistet haben könnten. Zumal wir ja schließlich auch rund 4 Millionen italienische Gastarbeiter, rund 600.000 spanische und knapp 500.000 griechische Gastarbeiter hatten, hinzu kamen kleinere Kontingente aus anderen Ländern wie Marokko und Südkorea. Damals kamen die als Gastarbeiter bezeichneten Ausländer nach Deutschland, weil in ihren Heimatländern vielfach hohe Arbeitslosigkeit herrschte, und insbesondere die Überweisung von erheblichen Teilen ihres Arbeitslohns an die Familie zu Hause dort das wirtschaftliche Elend linderte. Daran hatten natürlich die Entsendeländer ein erhebliches Interesse und drangen darauf, entsprechende Einreiseabkommen mit Deutschland zu schließen. Natürlich hatte Deutschland angesichts seiner Vollbeschäftigung durchaus ein Interesse daran, daß die Zahl seiner Beschäftigten auf diese Weise angehoben werden konnte. Einen maßgeblichen Einfluss auf die wirtschaftliche, gar die kulturelle Entwicklung des Landes konnten diese Menschen schon rein quantitativ nicht nehmen, erst recht nicht qualitativ, denn insbesondere die türkischen Gastarbeiter lebten durchaus isoliert, viele lernten zeitlebens so gut wie kein Deutsch.

Herr Merz erzählt also wieder einmal Unsinn.